Milchdialog in Göttingen
Milch ist ein Lebensmittel, das heute regional und weltweit gehandelt wird. Im Vergleich zur Gesamtproduktion sind es nur geringe Mengen, welche über die Grenzen der Kontinente hinweg als Milchpulver gehandelt werden. Trotzdem bringt der weltweite Handel mit Milch regionale Märkte aus dem Gleichgewicht. Subventionierte Milchexporte aus der EU drückten den Weltmarktpreis in den vergangenen Jahren nach unten. Weltweit sinken die Preise für Milchprodukte. Die Preisentwicklung der Märkte orientiert sich dabei nicht an regionalen Produktionsbedingungen und Kosten. Hier bei uns wie in den Ländern des Südens müssen die Produktionsbetriebe immer größer werden, um mit Preisschwankungen und Preisdruck umgehen zu können. Wenn diese Situation anhält, könnte sie langfristig das weltweite Ende der bäuerlichen Landwirtschaft bedeuten. Danach würden wenige Großkonzerne weltweit die Milchproduktion übernehmen. BauernvertreterInnen bezweifeln, ob große und hochtechnisierte Betriebe den Aufgaben von Naturschutz, Landschaftspflege und Gewährleistung der Ernährungssicherheit für die Landbevölkerungen nachkommen können.
Die Voraussetzungen von Bäuerinnen und Bauern in der EU und die von Bauern und Bäuerinnen in Ländern des Südens sind sehr unterschiedlich. Und doch weist ihre Situation zahlreiche Parallelen auf. Ein von Brot für die Welt und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft initiiertes Dialogprojekt regt einen direkten Austausch zwischen BauernvertreterInnen aus Entwicklungsländern und deutschen Bauern und Bäuerinnen an. In diesem Rahmen wurden Anfang März öffentliche Informationsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen im Landkreis Göttingen organisiert. Das Entwicklungspolitische Informationszentrum (EPIZ) ist Teil des breiten Trägerbündnisses dieser Veranstaltungen.
Am Samstag, dem 1. März 2008 fand von 14.30 Uhr bis 16:00 Uhr auf dem Marktplatz Göttingen eine öffentliche Informationsveranstaltung statt. Mitglieder des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter e.V. (BDM) stellten ihre Kuh "Faironika" vor. Und bewarben damit ihre Bestrebungen der besonderen Auszeichnung von Milchprodukten aus Deutschland, für die ein fairer Preis von mindestens 40 Cent pro Liter an den Milchviehhalter bezahlt werden soll. Auf einem Plakat waren die gemeinsamen Forderungen aus dem Nord-Süd-Dialog nachzulesen und konnten unterschrieben werden. Die FIAN Ortsgruppe Göttingen organisierte ein Milchkannenwettrennen und verwies damit spielerisch auffällig auf Ungerechtigkeiten und ungleiche Ausgangsbedingungen im Welthandel mit Milchprodukten. Der Weltladen Göttingen installierte einen mobilen Stand auf dem Marktplatz und verkaufte fair gehandelten Kaffee und weitere Produkte aus fairem Handel mit Organisationen aus Ländern des Südens. Mitarbeiter des EPIZ bauten Infotische auf dem Marktplatz auf. Vertreter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. (AbL) und von Brot für die Welt reisten zusammen mit drei Südgästen aus Lateinamerika an. Alle an der Aktion Beteiligten standen für Rückfragen interessierter PassantInnen zur Verfügung.
Am Sonntag dem 2. März von 12 Uhr bis 16 Uhr trafen sich die Südgäste Lucinda Quispealya (Peru), Vincente Puhl (Brasilien), Sandra Lopez Fernandez (Nicaragua) und Vertreter der Organisationen BDM, AbL und Brot für die Welt zu einer Podiumsdiskussion in Form eines politischen Frühschoppens - Thema: "Faire Agrarpolitik am Beispiel Milch" - im Dorfgemeinschaftshaus in Landolfshausen. Der Saal war gefüllt mit Bauern und Bäuerinnen und Interessierten aus der Region. Der weitere Verlauf der Veranstaltung bot viel Raum für Nachfragen aus dem Publikum. Es ging dabei in der Hauptsache um einen Erfahrungsaustausch. Bäuerinnen und Bauern aus Südniedersachsen und BauernvertreterInnen aus Ländern des Südens berichteten von ihren Produktionsbedingungen und Produktionszielen. Nachfragen aus dem Publikum zeigten besonderes Interesse an der Einmischung und Positionierung von Landesregierungen und Konzernen in der Entwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft.
Am Montag dem 3. März von 20 Uhr bis 22 Uhr wurde im Gemeindesaal der St. Johanniskirche Göttingen eine Podiumsdiskussion zum Thema "Fairer Handel mit Milch? Anforderungen an die aktuelle Reform zur Stärkung bäuerlicher Familienbetriebe in Niedersachsen und weltweit" organisiert. Das Podium besetzten Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen, Südgast Vincente Puhl, der Präsident des BDM Romuald Schaber, der Bundesvorsitzende der AbL Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf mit der Moderation von Hans-Gerd Martens. Die Diskussion verlief kontrovers. Hauptthematik waren Maßnahmen zur Stärkung bäuerlicher Strukturen in Europa und weltweit. Bauernvertreter aus Nord und Süd zeigten sich einig, dass Ernährungssicherheit Vorrang vor freiem Handel haben sollte und dass es dazu gesetzlicher Regelungen bedürfe, die bäuerliche Landwirtschaft schützen und erhalten. VertreterInnen von Abl und BDM sprachen sich für gesetzliche Regulierung und für einen Erhalt der Milchquote aus. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen warb für einen weltweiten Handel mit landwirtschaftlichen Produkten. In welcher Weise der Welthandel mit Milchprodukten den Bäuerinnen und Bauern zugute kommt, wurde aus Ehlens Erläuterungen nicht klar. Einige Landwirte aus dem Publikum zeigten sich empört über Ehlens Äußerungen.
Nils Hilliges
